Denkmal des Monats - Januar 2018

Ostwestfalen Lippe
Das "Häusken" in der Weinberggasse 6 (Blomberg)

Blomberg galt im Mittelalter als die am stärksten befestigte Stadt der Edelherren zur Lippe.

Die Stadt war mit einer fast 1,5 Kilometer langen Stadtmauer umgeben. Zunächst hatte die Stadt mit dem Niederen Tor und dem Heutor (Hohe Tor genannt) zwei Stadteingänge. Später kam im Norden der Stadt das „Neue Tor“ hinzu. Nur das Niedere Tor im Süden der Stadt konnte erhalten werden und ist bis heute das einzige noch bestehende Stadttor in ganz Lippe.

Neben den drei Stadttoren war die Stadtmauer noch mit sechs Türmen befestigt. Zwei Türme an der Westseite der Stadtmauer sind in Teilen noch erhalten. Die „Schwarze Grete“ liegt an der Niederburg und diente zeitweilig als Gefängnis. Der zweite Turm an dieser Seite steht im Bereich des Schweigegartens, hier befindet sich heute ein Treppenturm mit Aussichtsplattform. An der Großen Mauer gab es den Turm „Planken Anke“, ebenfalls ein Gefängnis, an der Kleinen Mauer den „Schellenturm“. Weitere Türme waren der „Pulverturm“ und der „Rode Heneke“.

Durch die zunehmende bauliche Enge innerhalb des mittelalterlichen Mauerringes, hervorgerufen durch die Bevölkerungsentwicklung im 18. und 19. Jahrhundert, mussten neue Bauflächen geschaffen werden. Die Stadt bemühte sich durch Ausweisung neuer Hausstätten entlang der Stadtmauer („Weinbergasse“ und „An Der Großen Mauer“) neue Baugrundstücke zur Verfügung zu stellen. In diesen „Mauergassen“ siedelten sich vor allem Menschen aus der Unterschicht an. Zu Ihnen gehörten neben ärmeren Handwerkern vor allem Tagelöhner, Witwen und Arme.

Der südwestliche Teil der Stadtmauer, vom Niederen Tor, entlang dem Weinberg an der Burg vorbei bis zur Schule am Weinberg, ist bis heute fast unverändert vorhanden. Betritt man die Stadt durch das Niedere Tor und hält sich links kommt man in die Weinberggasse. Diese enge Gasse ist ebenfalls weitestgehend unverändert mit Ihren Kleinhäusern und noch heute eine der schönsten Gassen in der historischen Altstadt von Blomberg.

Hier befindet sich das Kleinhaus Weinberggasse 6, von der Eigentümerin liebevoll „Häusken“ genannt. Da es sich um sehr schmale Parzellen handelte und die Stadtmauer inzwischen Ihre Sicherungsfunktion verloren hatte, wurden die rückwärtigen Hauswände in der Weinberggasse einfach auf die Stadtmauer gesetzt. In dem kleinen Häuschen wurde ein beachtliches Stück dieser historischen Mauer überbaut und ist bis heute unverändert zu bestaunen. Besonders stolz ist die Eigentümerin auf diesen Teil Ihres Hauses und da kann es schon mal passieren das Teilnehmer einer Stadtführung spontan herein gebeten werden und eine private Führung erhalten. Heute wird das „Häusken“ als Feriendomizil vermietet.

Das Haus Weinberggasse 6 wurde als traufenständiges, zweigeschossig abgezimmertes Putzfachwerkgebäude auf verputztem Natursteinsockel unter mit Tonpfannen gedecktem Satteldach errichtet. Die Straßenfassade ist fünf Gefache breit mit mittig angeordneter Haustür. In der rechten Achse befindet sich eine Tür zum ehemaligen Stall in dem lt. Viehzählung von 1916 ein Schwein und zwei Ziegen gehalten wurden. Das Gebäude ist ein gutes Beispiel für das früher übliche Zusammenleben von Mensch und Tier auf engstem Raum. Oberhalb der Dachtraufe befindet sich ein Aufzugshäuschen mit Satteldach und Umlenkrolle (Plögge), hierrüber wurden Vorräte für Mensch und Tier auf den Dachboden befördert. Das Fachwerkgefüge wird stabilisiert durch Schwelle- Rähm-Streben im Obergeschoss, die Deckenbalken sind auf dem Rähm aufgelegt und haben profilierte Balkenköpfe. Unter dem Gebäude befindet sich im hinteren Teil ein älterer Keller. Die rückwärtige Traufwand wird im Erdgeschossbereich durch die Stadtmauer gebildet, das Fachwerk-Obergeschoss wurde darauf errichtet.

Das Gebäudeinnere ist charakterisiert durch einen Mittel-Querflur, von hier führt noch eine bauzeitliche Treppe in das Obergeschoss. Einige Rahmenfüllungstüren mit Kastenschlössern und zweiflügelige Fenster mit Schleuderstangen-Verschlussmechanismus bilden die bauzeitliche Ausstattung.

Interessant an diesem Gebäude ist ein weiterer Mauerverlauf, der dem Kellermauerwerk vorgelagert ist. Über dessen Ursprung und Zweckbestimmung (mittelalterlich, Teil einer evtl. zweischaligen Stadtmauer) liegen bisher jedoch noch keine Erkenntnisse vor.

Lt. Ernst Thelemann hatte das Niedere Tor (ebenso wie das Heutor) eine Vorburg. Weitere archäologische Untersuchungen könnten die Vermutung, dass die Grundmauern des heutigen Wohnhauses in einem Zusammenhang mit einer Vorburg stehen, ggf. unterstützen.

Dieses Fachwerkgebäude auf einer sehr schmalen Hausparzelle westlich des Niederen Tores gelegen wurde im Jahre 1856 durch die Witwe Mattheus errichtet.

Ein Blick in die Stadtgeschichte

Die Stadt Blomberg wurde um 1250 von Bernhard III., edler Herr zur Lippe gegründet. Der auch bei den anderen lippischen Städten (Lippstadt, Lemgo, Horn, Detmold) verwendete Grundriss zeigt das bekannte Drei-Straßen-Schema mit einer Hauptstraße (Langer Steinweg), von der z wie Nebenstraßen (Brinkstraße und Kuhstraße) abzweigen. Diese werden durch eine Querachse (Burgstraße, Kurzer Steinweg) wiederzusammengefasst. Eine Grundstücksurkunde ist nicht erhalten, 1283 wird Blomberg erstmals als Stadt erwähnt. Der Name erklärt sich aus der Blume („Blomberg de Bleome“), der Rose als Wappen der Edelherren zur Lippe, bis 1511 war Blomberg deren bevorzugte Residenz. Auf einem markanten Bergsporn gelegen und mit einer festen, heute noch zum Teil erhaltenen Mauer umgeben, galt Blomberg als die am stärksten befestigte lippische Stadt. Handwerk und Handel wurden durch die vorbeiführende „Kölnische Landstraße“, einen wichtigen Zweig des westfälischen Hellwegs (heutige Bundesstraße 1) gefördert.

Die größte Katastrophe in der Geschichte der Stadt Blomberg war ihre nahezu vollständige Zerstörung in der Soester Fehde am 15. Juni 1447. Böhmische Söldner im Auftrag des Kölner Erzbischofs eroberten die Stadt und brannten sie völlig nieder. Die ältesten erhaltenen Häuser in Blomberg konnten in die Zeit des Wiederaufbaus nach dieser Zerstörung datiert werden (Langer Steinweg 20, 1452-55, Neue Torstraße 10, 1450-54, Jahrringdatierung).

Der Wiederaufbau wurde durch ein besonderes Ereignis begünstigt: Eine Frau namens Alheyd hatte nach Ostern 460 45 geweihte Hostien aus der Stadtkirche entwendet und später aus Angst vor Verfolgung in einen Brunnen geworfen. Mittelalterlichen religiösen Vorstellung entsprechend wurden dem Brunnenwasser daraufhin wunderheilsame Kräfte zugeschrieben und es entstand eine weit über Lippe hinaus bekannte Sakramentswallfahrt nach Blomberg. Zur geistlichen Betreuung der zahlreichen Pilger gründete der Landesherr, Edelherr Bernhard VII. zur Lippe, 1468 ein Augustiner-Chorherrenstift und besetzte es mit Mönchen aus Möllenbeck bei Rinteln. Anstelle der zunächst errichteten kleinen Wallfahrtskapelle entstand 1462 bis etwa 1485 die erhaltene spätgotische Klosterkirche.

Auf etwa 330 Hausstätten innerhalb der Stadtmauern entwickelten sich kleinstädtischer Handel, Handwerk und Gewerbe. Eine besondere Rolle spielten die Schuhmacher (zeitweilig über 100 Meister) und die Stuhltischler, die schon früh für den Export produzierten. Landwirtschaftlich tätige „Ackerbürger“ bildeten nur eine kleine Minderheit.

Zahlreiche stattliche Fachwerk-Dielenhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert blieben erhalten. Weitere Fachwerkbauten des 18. und 19. Jahrhunderts prägen das Stadtbild bis heute. Mit rund 100 unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden bildet die Blomberger Altstadt ein beeindruckendes Ensemble historischer Bausubstanz.

Erst relativ spät, ab 1863, begann die Stadt über ihre mittelalterlichen Mauern hinaus zu wachsen.